Nutzwertanalyse

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Nutzwertanalyse im UnternehmerlexikonDie Nutzwertanalyse stellt eine Methode zur Auswahl von Handlungsalternativen dar. Sie bietet sich für Entscheidungen an, die von mehreren Zielsetzungen bestimmt werden, wobei nicht alle Handlungskonsequenzen in monetären Werten abgebildet werden können. Mit der Nutzwertanalyse, auch Punktwertmethode genannt, werden „weiche“, also nicht quantifizierbare, Kriterien mittels Gewichtungen vergleichbar gemacht. Auf dieser Basis kann dann eine Entscheidung getroffen werden. Anhand eines Beispiesl wollen wir das Vorgehen bei der Arbeit mit der Nutzwertanalyse in diesem Lexikonartikel erläutern. Außerdem sollen die Vor- und Nachteile der Methode erläutert werden.

Unser Beispiel:

Der künftige Eigentümer einer Jugendherberge steht vor einer Standortentscheidung. Vier Standorte, A, B, C und D, stehen zur Auswahl. Neben quantitativ messbaren Aspekten (Mietkostenniveau, Höhe der Nebenkosten, Lohnniveau, Steuern und Gebühren, und so weiter) sind auch Kriterien relevant, die er nicht monetär abbilden kann.

In diesem Beispiel seien dies:

  • die Verkehrsanbindung des Standortes
  • die Nähe des Standortes zu Cafés, Bars und Nachtleben
  • die Sicherheit des Standortes

Optimierung mit der Nutzwertanalyse - optimale Entscheidungen treffenGenerell gilt bei der Auswahl der Kriterien der Grundsatz „Weniger ist mehr.“. Die Konzentration auf wenige, aber prägnante Kriterien vereinfacht den Entscheidungsprozess deutlich. In der Praxis haben sich drei bis fünf Kriterien bewährt. Mehr als zehn Kriterien sollten nicht gewählt werden.

Weiterhin ist bei der Auswahl der entsprechenden Kriterien auch noch folgendes zu beachten:

  • Die Kriterien müssen genau beschrieben sein. Alle am Entscheidungsprozess beteiligten Personen müssen wissen, was unter dem genannten Kriterium genau zu verstehen ist.
  • Die Kriterien müssen messbar sein. Nur so können die unterschiedlichen Alternativen hinsichtlich ihres Erfüllungsgrades bewertet werden.
  • Die Kriterien müssen sich signifikant voneinander unterscheiden.
  • Die Kriterien müssen voneinander unabhängig sein. Kein Kriterium darf die Erfüllung eines anderen Kriteriums voraussetzen.
  • Die aus den Kriterien resultierenden Konsequenzen müssen maßgeblich für den Unternehmenserfolg sein.

So wäre es im vorliegenden Beispiel nicht sinnvoll, die Nähe des Standortes zu Kindergärten und Schulen als Kriterium einzubeziehen, das dies auf den Erfolg der Jugendherberge keinen signifikanten Einfluss hätte.

Die ausgewählten Kriterien werden nun entsprechend ihrer Bedeutung für den Standort gewichtet. Dies kann zum Beispiel in Form eines paarweisen Vergleiches erfolgen:

  • Die Verkehrsanbindung ist wichtiger als die Nähe zu Cafés: Die Verkehrsanbindung erhält 2 Punkte, die Nähe zu Cafés 0 Punkte
  • Die Verkehrsanbindung ist auch wichtiger als die Sicherheit des Standortes: Die Verkehrsanbindung erhält 2 Punkte, die Sicherheit des Standortes 0 Punkte.
  • Die Nähe zu Cafés ist genauso wichtig, wie die Sicherheit des Standortes: Die Nähe zu Cafés erhält 1 Punkt, die Sicherheit des Standortes ebenfalls 1 Punkt.

Die Gewichtung im gewählten Beispiel sähe nun folgendermaßen aus:

  • Verkehrsanbindung: 4 Punkte = Rang 1
  • Nähe zu Cafés: 1 Punkt = Rang 2
  • Sicherheit des Standortes: 1 Punkt = Rang 2

Da es sich hierbei um eine rein subjektive Wertung handelt, ist es sinnvoll, die Gewichtung der Kriterien in einem Team vorzunehmen. So fließen unterschiedliche Sichtweisen ein. Sofern das Team ausgewogen zusammengestellt wurde, die Gruppenmitglieder in ihrer Meinungsbildung voneinander unabhängig sind und jede Stimme das gleiche Gewicht im Entscheidungsprozess besitzt, wird das Ergebnis die Realität besser widerspiegeln. Es bietet sich an, eine Gesamtgewichtung der Kriterien von 100 % anzustreben.

Bezogen auf das Beispiel sei angenommen, die Kriterien seien am Ende des Diskussionsprozesses folgendermaßen gewichtet:

  • die Verkehrsanbindung des Standortes: 50 %
  • die Nähe des Standortes zu Bars, Cafés etc.: 30 %
  • die Sicherheit des Standortes: 20 %

Darüber hinaus werden Ausschlusskriterien festgelegt. Sofern ein Standort ein Ausschlusskriterium nicht erfüllt, kommt er als Standort nicht mehr infrage. Eine weitere Nutzenbewertung wird für ihn nicht mehr vorgenommen.

Im vorliegenden Beispiel kommen nur Standorte infrage, die nicht weiter als 10 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt sind.

Standort D ist vom Stadtzentrum zwölf Kilometer entfernt. Es wird keine Nutzenbewertung vorgenommen. Da er das Ausschlusskriterium „nicht weiter als 10 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt“ nicht erfüllt, kommt er nicht in die engere Wahl.

Ermittlung des Erfüllungsgrades

Nun wird jede Alternative danach bewertet, inwiefern sie den vorgegebenen Zielkriterien entspricht. Dieser Erfüllungsgrad kann in Form von Schulnoten (z. B. 1 = sehr gut, 5 = ungenügend) bewertet werden. Es ist auch eine Vergabe von Punkten möglich (10 = hervorragend, 0 = ungenügend). Wichtig ist, dass die einmal gewählte Bewertungsskala während des gesamten Entscheidungsprozesses beibehalten wird.

Im Beispiel der Jugendherberge werden die Standorte anhand einer Punkteskala von 1 bis 10 bewertet. Dabei einigte man sich im Vorfeld auf die folgende Skalierung:

  • 1 – 3 = schlecht
  • 4 – 6 = mittel
  • 7 – 9 = gut
  • 10 = sehr gut

Standort A

  • Entfernung vom Stadtzentrum: 3 Kilometer
  • Verkehrsanbindung des Standortes: sehr gut – 10 Punkte
  • Nähe des Standortes zu Cafés: gut – 7 Punkte
  • Sicherheit des Standortes: schlecht – 2 Punkte

Standort B

  • Entfernung vom Stadtzentrum: 6 Kilometer
  • Verkehrsanbindung des Standortes: schlecht – 2 Punkte
  • Nähe des Standortes zu Cafés: mittel – 4 Punkte
  • Sicherheit des Standortes: schlecht – 1 Punkt

Standort C

  • Entfernung vom Stadtzentrum: 9 Kilometer
  • Verkehrsanbindung des Standortes: mittel – 5 Punkte
  • Nähe des Standortes zu Cafés: schlecht – 3 Punkte
  • Sicherheit des Standortes: sehr gut – 10 Punkte

Durch die Multiplikation der Gewichtungszahl (G) der einzelnen Kriterien mit der Bewertungszahl des Erfüllungsgrades (B) für jeden noch verbleibenden Standort wird nun der Nutzen (G x B) je Kriterium für die einzelnen Alternativen ermittelt.

Für Standort A sieht die Berechnung folgendermaßen aus:

  • Nutzenwert „Verkehrsanbindung des Standortes“: G = 50 %, B = 10 Punkte, G x B = 5 Punkte
  • Nutzenwert „Nähe des Standortes zu Cafés“: G = 30 %, B = 7 Punkte, G x B = 2,1 Punkte
  • Nutzenwert „Sicherheit des Standortes“: G = 20 %, B = 2 Punkte; G x B = 0,4 Punkte

Die Berechnung der Nutzenwerte für Standort B ergibt:

  • Verkehrsanbindung des Standortes: 50 % x 2 Punkte = 1 Punkt
  • Nähe des Standortes zu Cafés: 30 % x 4 Punkte = 1,2 Punkte
  • Sicherheit des Standortes: 20 % x 1 Punkt = 0,2 Punkte

Die Berechnung der Nutzenwerte für Standort C ergibt:

  • Verkehrsverbindung des Standortes: 50 % x 5 Punkte = 2,5 Punkte
  • Nähe des Standortes zu Cafés: 30 % x 3 Punkte = 0,9 Punkte
  • Sicherheit des Standortes: 20 % x 10 Punkte = 2 Punkte

Um die Alternativen untereinander vergleichen zu können, werden jetzt die einzelnen Nutzenwerte zu einem Gesamtnutzen summiert:

Für unser Beispiel sieht dies so aus:

  • Gesamtnutzen Standort A: 5 Punkte + 2,1 Punkte + 0,4 Punkte = 7,5 Punkte
  • Gesamtnutzen Standort B: 1 Punkt + 1,2 Punkte + 0,2 Punkte = 2,4 Punkte
  • Gesamtnutzen Standort C: 2,5 Punkte + 0,9 Punkte + 2 Punkte = 5,4 Punkte

Die Entscheidung wird im Beispiel der Jugendherberge zugunsten des Standortes A ausfallen, da dieser rechnerisch den höchsten Gesamtnutzen besitzt.

Vorteile und Nachteile der Nutzwertanalyse

Strategie und Entscheidungsfindung mit der PunktwertmethodeDurch die Nutzwertanalyse wird die Bewertung nicht quantifizierbarer Faktoren transparent und nachvollziehbar. Der Vorteil gegenüber einfachen „Bauchentscheidungen“ liegt in der analytischen Vorgehensweise bei der Ermittlung der Zielkriterien und deren Bewertung.

Gruppenprozesse bei der Entscheidungsfindung werden zu jedem Zeitpunkt auf ein datenbasiertes Fundament gestellt. So erfolgt die Diskussion strukturiert und weniger emotional. Bereits die Einigungsprozesse über die Kriterien, deren Gewichtung und die Einschätzung der einzelnen Erfüllungsgrade liefern wertvolle Hinweise über die Präferenzen der Entscheidungsträger. Eventuelle Konflikte werden bereits jetzt sichtbar und können während des weiteren Diskussionsprozesses geklärt werden. Die Wahrscheinlichkeit, dass das Endergebnis von allen Beteiligten akzeptiert und mitgetragen wird, ist so wesentlich höher.

Es darf jedoch nicht in Vergessenheit geraten, dass sowohl die Auswahl der Kriterien, als auch deren Gewichtung und die Bewertung ihres Erfüllungsgrades rein subjektiver Natur sind. So ist auch das rechnerische Ergebnis der Nutzwertanalyse nur scheinbar objektiv. Die vorgeschlagene Entscheidungsalternative muss daher zum Abschluss noch einmal kritisch hinterfragt werden. Bestehen Zweifel an der Richtigkeit der Entscheidung, so sollten sowohl die vorausgesetzten Kriterien als auch die Bewertung der Entscheidungsalternativen noch einmal überprüft werden.

Dabei ist auch zu berücksichtigen, dass die Nutzwertanalyse nur ein vergleichendes Ergebnis liefert.

In vorliegendem Beispiel ist der Standort A die erste Wahl, da er relativ zu den Standorten B und C die gewählten Kriterien am besten erfüllt. Es könnte jedoch noch weitere Standorte geben, die insgesamt für das Unternehmensziel besser geeignet wären. Die Nutzwertanalyse kann hierüber keine Auskunft gegen.

Die Entscheider müssen sich stets darüber im Klaren sein, dass die Nutzwertanalyse nur ein Instrument darstellt, das den Entscheidungsprozess begleiten und vereinfachen kann, jedoch niemals endgültig bestimmen darf.

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