Selbstfinanzierung

Unternehmen, Firmen, Betriebe oder Gesellschaften gibt es in den unterschiedlichsten Rechtsformen. In Deutschland treten sie als Einzelunternehmen, Kapitalgesellschaften, Personengesellschaften, Genossenschaften oder Mischformen auf. In der Betriebswirtschaftslehre haben sie alle die 3 Grundmerkmale einer Unternehmung gemeinsam:

  1. das Merkmal der Selbstbestimmung
  2. das Merkmal des Privateigentums und
  3. das Streben nach Gewinn.

Selbstfinanzierung im UnternehmerlexikonOberste Maxime und Bewertungsgrundlage für Banken und Gläubiger bildet hierbei zweifelsohne die Liquidität, also das zur Verfügung stehende Kapital eines Unternehmens. Vermag ein Unternehmen seine Liquidität selbst zu finanzieren, man spricht auch von einer hohen Eigenkapitalquote, führt dies zu einer merklichen Bonitätserhöhung. Man spricht in diesem Fall von Selbstfinanzierung.

Derzeit agieren rund 3 Millionen umsatzsteuerpflichtige Unternehmen in Deutschland, davon werden zwei Drittel als Einzelunternehmungen geführt. Jedes Unternehmen für sich hat eine unterschiedliche Zielausrichtung und Führungsorientierung. Betriebswirtschaftlich lassen sich die unterschiedlichen Ausrichtungen der Unternehmensführung in drei Komponenten unterteilen, die marktorientierte Ausrichtung (Marketingmanagement), die mitarbeiterorientierte Ausrichtung (Personalmanagement) und die wertorientierte Ausrichtung (Finanzmanagement).

Das Finanzmanagement befasst sich mit der gesamten Planung und Steuerung liquider Mittel sowie deren Einsatz. Oberste Ziele sind hierbei die Planung der Ein- und Auszahlungen aus der regelmäßigen Geschäftstätigkeit, das heißt die regel- und termingerechte Erfüllung eingehender Zahlungsverpflichtungen sowie die Planung der Kapitalstruktur des Unternehmens durch eine geeignete Kombination unterschiedlicher Finanzkontrakte. Eines der wichtigsten Instrumente des Finanzmanagements ist hierbei die Finanzierung.

Im Laufe der Zeit haben sich verschiedene Finanzierungsbegriffe herausgebildet. Der klassische Finanzierungsbegriff bezeichnet beispielsweise lediglich die langfristige Kapitalbeschaffung als Finanzierung. Orientiert man sich hingegen an den Zahlungsströmen eines Unternehmens, wird unter Finanzierung die Gesamtheit der Zahlungsmittelzuflüsse und der beim Zugang von Gütern vermiedene sofortige Zahlungsmittelabfluss verstanden.

Die bestehenden Finanzierungsformen können nach unterschiedlichen Merkmalen klassifiziert werden. Zunächst kann man grundsätzlich in Eigenfinanzierung und Fremdfinanzierung unterscheiden. Hierbei bilden die rechtliche Stellung der Kapitalgeber und die Kapitalhaftung das Unterscheidungsmerkmal. Weiterhin kann man nach dem Kriterium der Mittelherkunft zwischen Innenfinanzierung und Außenfinanzierung unterscheiden. Außenfinanzierung liegt vor, wenn eine Zuführung finanzieller Mittel über den Markt für Eigen- oder Fremdkapital erfolgt, während bei der Innenfinanzierung die finanziellen Mittel aus der Verwertung von Vermögensteilen resultieren.

Die Innenfinanzierung kann auf dreierlei Arten erfolgen:

  1. Finanzierung aus Rückstellungen - sie stellt eine fremdfinanzierte Innenfinanzierung dar.
  2. Finanzierung aus Abschreibungen und sonstigen Kapitalfreisetzungsmaßnahmen - diese Finanzierungsmöglichkeiten stellen weder eine Eigenfinanzierung noch eine Fremdfinanzierung dar, da der Finanzierungseffekt durch die Verrechnung nicht auszahlungswirksamer Aufwendungen oder durch den Verkauf von Vermögensteilen erzielt wird.
  3. Selbstfinanzierung: Eine Selbstfinanzierung liegt vor, wenn die erwirtschafteten Gewinne nicht an die Eigenkapitalgeber ausgeschüttet werden, sondern im Unternehmen einbehalten werden. Die somit gewonnenen liquiden Mittel können für Investitionen (siehe hierzu Artikel Investment im Lexikon) herangezogen werden. Die Selbstfinanzierung ist gleichzeitig Eigenfinanzierung. Unterscheiden lässt sich die Selbstfinanzierung in die offene und verdeckte Selbstfinanzierung.

Offene Selbstfinanzierung

Offene Selbstfinanzierung und geschlossene SelbstfinanzierungDie offene Selbstfinanzierung bezeichnet die Finanzierung aus den im Unternehmen erwirtschafteten Gewinnen, die im Unternehmen belassen werden (sogenannte Gewinnthesaurierung) und nicht an die Eigentümer ausgeschüttet werden. Bei Kapitalgesellschaften lässt sich die offene Selbstfinanzierung aus der Gewinnrücklage, welche Bestandteil des Eigenkapitals in der Bilanz ist, ersehen. Bei Personengesellschaften erhöhen sich durch die Gewinneinbehaltung die Kapitalkonten der Gesellschafter. Bei einem Einzelunternehmen erhöht sich das Kapitalkonto des Einzelunternehmers. Kennzahl der offenen Selbstfinanzierung ist der Selbstfinanzierungsgrad. Er spiegelt das Verhältnis von Gewinnrücklagen zum gesamten Eigenkapital wider und wird in Prozent angegeben. Er wird berechnet, indem man die Gewinnrücklagen durch das Eigenkapital dividiert.

Formel:
Selbstfinanzierungsgrad (in %) = Gewinnrücklagen / Eigenkapital * 100

Ein hoher Selbstfinanzierungsgrad bedeutet also, dass die Eigenkapitalfinanzierung vorrangig durch Gewinnthesaurierung und weniger durch Außenfinanzierung vorgenommen wurde, das heißt, das Unternehmen ist unabhängiger von externen Kapitalgebern.

Ein Beispiel:
Ein Autohandel wird zum 01.01.2013 in der Rechtsform einer Aktiengesellschaft gegründet. Der Anfangsbestand umfasst 20 PKW zu je 50.000 Euro. Die Finanzierung des Anlagevermögens von insgesamt 1 Million Euro erfolgt zu 30 % mit Eigenkapital in Höhe von 300.000 Euro. Hiervon sind 200.000 Euro gezeichnetes Kapital und 100.000 Euro Kapitalrücklage. Die restlichen 700.000 Euro werden durch ein Bankdarlehen aufgebracht. Das Unternehmen erzielt im Jahr 2013 einen Gewinn nach Steuern von 100.000 Euro. Wird der Gewinn zu 100 % einbehalten und als Gewinnrücklage eingestellt, erhöht sich somit das Eigenkapital um 100.000 Euro. Man spricht dann von einer Innenfinanzierung in Form einer offenen Selbstfinanzierung. Von dem einbehaltenen Gewinn kann das Unternehmen 2 weitere PKW finanzieren.

Vorteile der offenen Selbstfinanzierung bestehen in der langfristigen Verfügbarkeit des somit finanzierten Eigenkapitals, eine zusätzliche Belastung der Liquidität der Folgejahre durch Zins-, Tilungs- und Dividendenzahlungen entfällt, die Erhöhung der Eigenkapitalquote führt zur besseren Bonitätsbewertung hinsichtlich der Kreditwürdigkeit des Unternehmens und die Stimmverhältnisse der Eigentümer bleiben unverändert.
Nachteile der offenen Selbstfinanzierung ist die Bewertung der eingesetzten Mittel nach Sinnhaftigkeit, da den Eigentümern der anteilige Gewinn vorenthalten wird. Weiterhin muss durch die damit getätigte Investition der Gewinn in den Folgejahren entsprechend ansteigen.

Verdeckte Selbstfinanzierung

Die verdeckte oder auch stille Selbstfinanzierung erfolgt durch die Einbehaltung nicht ausgewiesener Gewinne. Sie erfolgt durch die Bildung stiller Reserven, welche entweder durch die Unterbewertung von Vermögensgegenständen oder durch die Überbewertung von Verbindlichkeiten erzeugt werden kann. Im Gegensatz zur offenen Selbstfinanzierung ist die verdeckte Selbstfinanzierung in der Bilanz nicht ersichtlich. Stille Reserven können auf zwei Arten entstehen.

1. Das Vermögen des Unternehmens wird zu gering ausgewiesen.

2. Die Verbindlichkeiten des Unternehmens können durch überhöhte Bildung von Rückstellung überbewertet werden.

Ein Beispiel zu gering ausgewiesenen Vermögen:
Ein Gebäude des Unternehmens ist vollständig abgeschrieben und taucht somit wertmäßig in der Bilanz nicht mehr auf. Der Veräußerungserlös des Gebäudes beträgt allerdings 1 Million Euro. Das Unternehmen verfügt also über stille Reserven von 1 Million Euro. Das Unternehmen könnte durch den Verkauf des Gebäudes auf Eigenkapital für neue Investitionen zurückgreifen.

Vorteile der stillen Selbstfinanzierung liegen in dem Nichtausweis der daraus entstandenen Gewinne, somit fallen darauf keine Steuern an und es erfolgt keine Gewinnausschüttung. Durch eine stille Selbstfinanzierung wird die Unabhängigkeit eines Unternehmens gestärkt, da es mittels der stillen Reserven Investitionen ohne die Zustimmung der Eigentümer oder Aktionäre durchführen kann. Weiterhin erhöhen stille Reserven die Sicherheit des Unternehmens hinsichtlich der Kreditwürdigkeit. Somit kann das Unternehmen das im Beispiel benannte Gebäude in Höhe des Beleihungswertes als Sicherheit für einen Kredit einsetzen.
Nachteile der verdeckten Selbstfinanzierung sind in der bilanziellen Nichtausweisung zu sehen. Die Vermögenslage des Unternehmens wird nicht korrekt ausgewiesen, den Eigentümern werden ihnen zustehende Gewinne bis zur Auflösung der stillen Reserven vorenthalten.

Insgesamt gilt die Selbstfinanzierung eines Unternehmens als vorteilhaft, da sie die Krisenfestigkeit eines Unternehmens stärkt. Zinszahlungen werden somit vermieden und Steuern können gespart werden. Andererseits kann jedoch das Kapital mitunter nicht optimal verwendet werden und möglicherweise ist eine Selbstfinanzierung im Vergleich zu erzielbaren Gewinnen durch Kapitalanlagen vergleichsweise teuer.

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